Der ausweglose Weg aus der Verlustzone
Mit unglaublicher Kraftanstrengung versucht der Berliner Senat, das Thema Flughafen Tempelhof in für allemal zu begraben. Nach monatelangen Tröpfchen auf die heißen Steine des ältesten Flughafens der Welt schien mit dem neuen Coup alles gerettet: endlich ein Mieter, der länger als nur einen Tag bleibt - endlich ein Mieter, der langfristig plant und vor allem endlich ein Mieter, der in die wunderbare Welt der Vorstellungen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) passt. Die Modemesse Bread & Butter kommt nach Berlin.
Der Auftakt war gelungen
Schon am Tag vor der riesigen Eventveranstaltung der “Bread & Butter” standen die Telefone in den Tempelhofer und Neuköllner Polizeirevieren nicht mehr still: Anwohner trauten ihren Augen nicht und berichteten von Fluglärm. Nicht etwa aus Bosheit - sondern aus Freude darüber, dass ein unsägliches Kapitel scheinbar urplötzlich zu Ende schien. Die Kulisse auf dem Flugfeld hätte ja auch eindrucksvoller nicht sein können: ein wie zu besten Zeiten erleuchtetes Gebäude, Rotorenlärm eines anfliegenden Helikopters und am Startpunkt der Südbahn stand ein leibhaftiger Rosinenbomber. 500 Euro pro Stunde hat allein die Scheinwerfertechnik in den Berliner Nachthimmel geblasen - geradezu grotesk angesichts der unheildrohenden Finanzlage hinter den Sicherheitszäunen des Geländes.
Bei so einem pompösen Aufwand für nur einen einzigen Abend war jeder schnell überzeugt: hier ist der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) nach all den Monaten wohl endlich der große Wurf gelungen. Wer schon an einem Abend soviel investiert für den macht man gerne auch länger und vor allem auf dem gesamten Gelände und im gesamten Gebäude Platz.
Inzwischen weicht die Erleichterung der Ernüchterung: immer mehr Details dieses angeblichen Megadeals treten ans Tageslicht. Es stellt sich nun heraus, dass die Modemesse “Bread & Butter” in ihrer Geschichte schon immer viel Wind für nur kurze Zeit und sich dann auch recht schnell in andere Himmelsrichtungen aus dem Staub gemacht hat. Jede Station auf der Welt ist für den Modemessenmacher Karl-Heinz Müller immer nur ein Stopover. Kommt noch dazu, dass sich ein in der Branche als “Underground”-Veranstaltung geltendes Event plötzlich zur Leitmesse mit internationaler Ausstrahlung positioniert. Das hat nicht zuletzt bei den anderen Modemessen-Veranstaltern zuerst für Verwunderung und anschließend für Verstimmung gesorgt. Eine Streetwearmesse hat das nötige Kapital einen ganzen Flughafen inklusive Hangars, Gebäude und Gelände für zwei Monate zu mieten - zehn Jahre lang? Ein wenig mehr Einblick in die Thematik fördert Abenteuerliches zu Tage: zwar nimmt die Messe der BIM das Gebäude und das Gelände für zwei Monate im Jahr ab - benötigt diesen Platz jedoch nur für wenige Tage.
Diese Tatsachen reihen sich ein in sämtliche Entscheidungen, die bisher im Zusammenhang mit dem ehemaligen Flughafen BERLIN-TEMPELHOF getroffen wurden. Es zeichnet sich stets ein mageres Bild von Geschäftssinn ab - allerdings mit umso verheerenden Nebenwirkungen. Denn durch die vorschnelle Entscheidung, der Bread & Butter das Gelände und Gebäude zu überlassen, sind im selben Atemzug andere potentielle Nachnutzer abgesprungen. Die Filmbetriebe Berlin-Brandenburg mit Sitz in Potsdam haben sich offiziell von den Plänen eines Filmhafens verabschiedet. Das Technikmuseum, das bereits einen Hangar zur Unterstellung von Ausstellungsstücken benutzt, bekam nach einer öffentlichen Kritik an der Vermietungspraktik kurzerhand die fristlose Kündigung: vier Wochen bleiben dem Museum, die Hangarflächen zu räumen und die Exponate vom Gelände des Flughafens zu entfernen.
Die Strippen werden ganz oben gezogen
Wie sehr der Plan des Berliner Senats, den Flughafen BERLIN-TEMPELHOF effektiv und dauerhaft aus der Verlustzone zu führen, in Schieflage geraten ist, beweist sich auch an anderer Stelle: alle großen Veranstaltungen und Vermietungsangelegenheiten rund um den Flughafen sind zur Chefsache avanciert. Die Deals werden direkt in der Senatskanzlei von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (54) persönlich eingefädelt - und zwar an den Schreibtischen der BIM vorbei. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Mitarbeiter der BIM im Tal der Ahnungslosigkeit versinken und für die Geschäftsmieter vor Ort im Flughafengebäude schon längst keine ernstzunehmenden Ansprechpartner mehr sind. Dabei ist die Arbeitsteilung zwischen Senatskanzlei und der BIM denn immerhin noch recht wirkungsvoll: das Versenden von Mietkündigungen oder aber kurzerhand Anheben von Mietpreisen obliegt selbstverständlich den Kollegen in der Oranienburger Strasse bzw. vor Ort im Airport. Deshalb lautete der Absender der Mietkündigung an das Technikmuseum natürlich auch BIM und nicht etwa Senatskanzlei.
Es fällt schwer, eine Strategie hinter der neuerlichen Vermietung an die Modemesse für wenige Tage im Jahr zu erkennen, die ohne wirtschaftliche Vernunft dafür gesorgt hat, dass gewissenhafte Unternehmer den Standort Tempelhof nun zurecht meiden und mit ihren Plänen abgesprungen sind.
Oder stimmt es tatsächlich, dass es hier eben um keine Strategie geht - sondern um den Notausverkauf vor dem Hintergrund leerer Kassen, drohender Wirtschaftskrise und einem neuen Kulturimage? War dieser Deal es Wert, eine Streetwear-Messe aus Barcelona nach Berlin zu holen und im selben Atemzug eine Zukunft für 380 Hektar im Herzen Berlins aufs Spiel zu setzen?
Berlin mag jetzt eine Modemesse haben und für zwei bis drei Wochen im Jahr mag wieder Leben auf dem ruhigsten Fleck in der Stadt einziehen - aber auch eine Modemesse unterliegt Trends und wird im Zweifelsfall sogar Opfer des eigenen Erfolges. Wenn dann auch noch das Geld ausgeht, dann verliert der Standort Tempelhof eines: einen Mieter. Das Wichtigste hat der Standort jedoch bereits bei Unterschrift des Mietvertrages mit der “Bread & Butter” verloren - nämlich eine ernstzunehmende wirtschaftliche Perspektive.

