Der 30. Oktober 2008
Für alle kam dieser Tag dann doch etwas überraschend. Wochenlang ging es in der Journalistenszene hoch her: Aufregung über die Schließung, Ideen finden zur Berichterstattung, Gleichgültigkeit vor dem Unabwendbaren… während sich die Kollegen der einzelnen Lager auf ihre Positionen festgelegt haben, gab es unter den Piloten nur eines: fassungsloses Unverständnis.
Für einen Flieger ist ein Flughafen etwas Besonderes: ein Ort des Willkommens. Jeder Flieger, der in eine Stadt kommt, wird immer von einem Flughafen begrüßt. Und so wie Autoliebhaber den heiligen Boden der automobilen Anfänge in Deutschland verehren, ist BERLIN-TEMPELHOF der Anfang des fliegerischen “Alles”. Der erste Flughafen weltweit, die Geburtsstätte der Deutschen Lufthansa, das Überdauern von Krieg und Kommunismus, das aufregendste Gebäude…die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Aber: im Unterschied zu einer alten Autowerkstatt, die zum Museum wurde - hat dieser Airport bis zuletzt Geld verdient. Und er war ein Wirtschaftsfaktor in einer sonst eher dünn von wirtschaftlichen Erfolgen geprägten Region.
Der 30. Oktober 2008 war ein verregneter, trauriger Tag. Die Wolken hingen sehr tief, die Sonne war nicht einmal zu erahnen und es sah wirklich so aus, als ob es auch von “ganz oben” ein deutliches Signal zu dieser Schließung geben würde.
Hier die Videoaufnahmen während der letzten 24 Stunden von BERLIN-TEMPELHOF tagsüber:
Gegen 16 Uhr wurde das Wetter so schlecht, dass die Flüge eingestellt werden mussten - zumindest für die Sichtflug-Flugzeuge. Aber da auch ein radargelenkter Flug unter Sightseeing-Aspekten bei tiefhängenden Wolken keinen Sinn machte, wurden viele Rundflüge daraufhin gestrichen.
Dann wurde es langsam Abend…und keine Wetterbesserung in Sicht. Gegen 19 Uhr begann der Einlass für die geschlossene Abschlussveranstaltung - von der Berliner Flughafengesellschaft ausgerichtet und nur für 800 geladene Gäste. Die Menge an Besuchern und Gästen außerhalb des Airports war jedoch nicht zu verachten: knapp 150 Gäste kamen bei strömendem Regen vor die Haupthalle und machten ihrem Ärger Luft: Transparente, Pfeifkonzerte, Megafonbeschallung. Weiterhin wurde der Zaun rund um den Flughafen entlang des Tempelhofer Dammes stadtauswärts von etwa 200 Menschen bevölkert, die wie jeder normale Bürger ebenfalls nicht verstehen konnten, warum ein Flughafen geschlossen und der Steuerzahler entgehende Einnahmen aufkommen muss.
Ergriffen und Bedrückt die Stimmung als die Uhr langsam auf 23.50 Uhr zuging. Zwar hatte jeder “Zaungast” seine Kamera dabei und machte eifrig Fotos - es war jedoch diese unwirkliche Begleit-Atmosphäre: keiner lachte und niemandem war nach unterhaltsamer Unterhaltung.
Der Tower schaltete die “große Landebahnbeleuchtung” ein - dabei werden alle Lichter so grell geregelt, wie es normalerweise für einen Anflug am nebligen Tag notwendig ist. Diesen Nebel gab es nicht. Und der Blick in dieses Licht aus greller weißer Randbegrenzung, roter Anflugbefeuerung und blauer Abrollwege ging ins Leere. Man konnte einfach sehen, wie bei allen Besuchern vor dem inneren Auge alle Jahre der Erinnerung an diesen Flughafen abliefen: denn jeder Berliner ist mindestens einmal von Tempelhof abgeflogen, oder hat dort einen Gast abgeholt, oder war bei einem der den Tage der Offenen Tür oder hat zumindest mal flüchtig rübergeschaut, wenn er auf dem Berliner Autobahn-Stadtring oder dem Tempelhofer Damm vorbeifuhr.
23.55 Uhr: der Towerlotse Bruce Christie hat an diesem Tag seinen letzten Dienst “auf Tempelhof”. Er war einer der dienstältesten Lotsen in der Kanzel auf dem Gebäude - seit 1985. Angefangen als Lotse bei der US-Airforce und dann später bei der DFS, Deutschen Flugsicherung.
Die beiden letzten Maschienen, die an diesem Tag abheben, sind eine DC3 der Berliner Rundflugfirma Air-Service-Berlin und die JU52 der Deutschen Lufthansa Stiftung Berlin. Die beiden Flugzeuge rollen zum Startpunkt der beiden Landebahnen 27R und 27L und warten auf die Freigabe zum letzten Start in der Luftfahrtgeschichte von BERLIN-TEMPELHOF.
Die DC3 (allgemein als Rosinenbomber bekannt) wird von Steffen Wardin aus Berlin geflogen - am Steuer der JU52 sitzt Chefpilot Georg Kohne aus Lingen.
23.56 Uhr: Bruce Christie gibt auf der Frequenz 118.100 Mhz die Starterlaubnis - und beide Piloten antworten zunächst mit einer emotionalen Miniansprache, die für alle Berliner unhörbar war, denn es ging lediglich über den Flugfunk in den Berliner Äther.
Hören Sie hier den Historischen Audiopodcast mit den originalen Funksprüchen zwischen dem Tower und den beiden Piloten kurz vor dem endgültigen Aus von BERLIN-TEMPELHOF:
Wir bedanken uns für dieses Audiofile bei der Webseite WWW.TEMPELHOFPOSTER.COM!
Zu hören ist Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit in einem kleinen Ausschnitt seiner Ansprache auf der Abschlussveranstaltung gegen 20.15. Im Anschluss kommt der letzte automatische Flugwetterbericht, wie er vom Tower BERLIN-TEMPELHOF rund um die Uhr für die Piloten in der Luft ausgestrahlt wurde. Dieser Wetterbericht beinhaltet unter anderem die Höhe der Wolken und der Zustand der Landebahn.
23.58 Uhr: beide Flugzeuge sind abgehoben und verschwinden im Berliner Nachthimmel…Direkt in dieser Minute wird die Frequenz von BERLIN-TEMPELHOF an den Tower in Berlin-Schönefeld übergeben.
23.59 Uhr: im Tower von BERLIN-TEMPELHOF geht symbolisch das Licht aus, der blaue Schriftzug über dem bekannten halbrunden Vordach des Airports wird dunkel. Und es wird klar, das hier fast 100 Jahre Luftfahrtgeschichte mit einem einfachen Druck auf einen Schalter “ausgeknipst” wird.
Die Zaungäste am Rand des Flughafengeländes sind mit einem Mal noch stiller als zuvor. Keine Kamera klickt mehr, denn es gibt nichts mehr, was noch zu fotografieren wäre.
Und all das, inklusive des Abfluges der beiden letzten Maschinen vom Flughafen BERLIN-TEMPELHOF, hat der Initiator der Flughafenschließung, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nicht miterlebt und mitverfolgt. Konnte er ja auch nicht. Denn er hatte den Ort des Geschehens kurz nach 22.00 Uhr verlassen und war zum Zeitpunkt der beiden letzten Abflüge und endgültigen Schließung von BERLIN-TEMPELHOF schon längst entschwunden.


Sonntag, 21. Dezember 2008 20:24
Bei all den Beileidsbekundungen darf man letztendlich nicht vergessen , dass jeder der Verantwortlichen ,aufgrund bestehender Unwägbarkeiten ,die Entscheidung für einen erhalt von THF nicht auf sich nehmen wollte.
So auch eine renomierte deutsche Airline .-