Streit um Flughafen Tempelhof: Junge-Reyer entmachtet

Berliner Morgenpost, 12.02.2009

Über die Nachnutzung des Flughafens Tempelhof wird heftig gestritten. Jetzt haben Klaus Wowereit und Finanzsenator Thilo Sarrazin (beide SPD) die Notbremse gezogen und ihre Parteifreundin Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer das Zepter aus der Hand genommen. Offenbar will Berlins Regierender Bürgermeister selbst entscheiden.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Finanzsenator Thilo Sarrazin haben in der Frage der Nachnutzung des Flughafens Tempelhof Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (alle SPD) klar entmachtet. Nicht nur die Entscheidung, alle Hangars an die Modemesse Bread & Butter zu vermieteten, konterkarierte Junge-Reyers Anstrengungen zur Entwicklung des Gebäudes.

Sarrazin machte mehr als deutlich, was er von den Nachnutzungsbemühungen der Senatorin und ihrer Staatsekretärin Regula Lüscher hält. Den von Junge-Reyer und Lüscher angestrengten „Call for Ideas“ für das Gebäude nannte Sarrazin am Donnerstag nur noch eine „Ideenskizze“. “Was konkret gebraucht wird, aber ist eine ganz andere Sache. Da muss man diejenigen ansprechen, die eine konkrete Zahlungsbereitschaft zeigen.“

Die Senatsbaudirektorin hatte den „Call for Ideas“ als Interessensbekundungsverfahren Ende September gestartet, um Ideen und Investoren für das Gebäude zu finden. 61 Vorschläge waren daraufhin eingegangen, die mit allen beteiligten Senatsressort bis März ausgewertet werden sollten, um ein Zwischennutzungskonzept zu entwickeln. Wowereit und Sarrazin haben offenbar aber bereits entschieden.
Nicht ums Abstrakte, sondern Konkrete gehe es. Das riesige Gebäude sei schließlich aktuell da und das durch Leerstand und hohe Bewirtschaftungskosten verursachte Defizit müsse abgebaut werden. Der Stadtentwicklungssenatorin und der Senatsbaudirektorin wies Sarrazin damit indirekt nur noch die Zuständigkeit für die Entwicklung der Freifläche zu. „Es ist schön, dass wir die Freifläche haben. Kosten aber macht das Gebäude. Auf der gigantischen Freifläche können noch Schafe weiden oder kann man anderes tun. Die wird sich erst in vielen Jahrzehnten füllen.“

Mit der Bread & Butter-Entscheidung dagegen habe man einen wesentlichen Ansiedlungserfolg erzielt. „Wir wollen weitere Mieter anziehen. Alles, was jung und vital ist, was Außenwirkung und Imagetransfer hat, ist uns willkommen. Wir machen nur Mietverträge, die rentabel sind“, sagte Sarrazin anlässlich des abgeschlossenen Mietvertrages für fünf Jahre mit der Marathonmesse Berlin Vital.
Bekannt wurde aus SPD-Kreisen, dass das Land Berlin in den kommenden Monaten fünf Millionen Euro in die Hangar investieren will. Bread & Butter soll wiederum nach Informationen des RBB eine Miete von 1,6 Millionen Euro pro Jahr zahlen. Zur Frage, was denn ein Mieter zahlen müsste, der das gesamte Gebäude mieten will, sagte Sarrazin launig: “Für eine Dauernutzung müsste jemand 15 Millionen Euro zahlen. Der aber findet sich nicht. Wenn doch, kriegt Herr Müller (Karl-Heinz Müller, Chef der Modemesse Bread & Butter) einen Aufhebungsvertrag. Wenn der Prinz kommt, finden wir einen Ort für Dornröschen.”
Und er gab eine positive Prognose ab: “Das Defizit werden wir 2010 deutlich vermindern. Mit dem Gebäude werden wir in wenigen Jahren schwarze Zahlen schreiben.” Auch wenn die Vermarktung nicht leicht ist: “Hier geht die halbe Bundesregierung rein. Die hat aber leider schon woanders gebaut.”
Die Filmbetriebe Berlin Brandenburg, die sich am „Call for Ideas“ beteiligt hatten, nannte der Finanzsenator „extrem beleidigt“. „Hier ist jemand enttäuscht, der die Hoffnung hatte, das gesamt Gebäude zu bekommen und gute Geschäfte machen wollte“, so Sarrazin.

Autor: admin
Datum: Donnerstag, 12. Februar 2009 22:28
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