Tempelhof 2.0 - Pokermethoden im wilden Westen

Flughafentempelhof.com

Es vergeht kein Tag, an dem nicht neue Details rund um den ehemaligen Flughafen BERLIN-TEMPELHOF bekannt werden - und jeder, der glaubte, dass sich langsam eine positive Richtung einstellen würde, ist nun eines Besseren belehrt. Inzwischen herrscht blankes Chaos, gewürzt mit Pokermanieren und Wildwestmethoden.

Im Herzen der Stadt liegt eine riesige Fläche mit einem riesigen Gebäude - ein Sahnestück könnte man es nennen - doch es ist allen politisch Beteiligten auch nach nunmehr vier Monaten nicht möglich, eine sinnvolle und zukunftsweisende geschweige denn wirtschaftliche Nachnutzung herbeizuführen. Und das trotz Investoren. Der Flughafen wurde einst entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft geschlossen - und auch alle neuerlichen Entscheidungen tragen nicht unbedingt dazu bei, dem aktuellen Machtgefüge in Berlin eine vorausschauende wirtschaftliche Planung zu attestieren.

Da wird das gesamte Flughafengebäude für zwei Monate im Jahr an eine Modemesse vermietet, die die Liegenschaft inklusive Aufbau jedoch insgesamt nur 36 Tage im Jahr beansprucht. Zu den Mieteinnahmen und dem Vertragsabschluß äußerte sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): “ein gutes Geschäft”.

Inzwischen stellt sich das Bild etwas anders dar: 1,6 Millionen Euro zahlt die Modemesse für 36 Tage tatsächliche Nutzung im Jahr inkl. Auf- und Abbau, blockiert dafür aber 60 Tage lang das gesamte Gebäude. Die anfänglich gemachten Zusagen, dass die Modemesse das Gebäude im Sinne des Denkmalschutzes erhalten würde und unter anderem neue Toiletten einbauen würde, waren geschickte Lügen. Denn der Berliner Steuerzahler darf diese Umbauarbeiten im Wert von 5 Millionen Euro selbst tragen - ein großzügiges Geschenk an eine Modemesse. Und es sind bei weitem nicht nur Toiletten: die ganzen Hangars sollen Wanddurchbrüche und Schiebetore erhalten - egal ob das mit dem Denkmalschutz vereinbar ist oder nicht. Alles zum Wohle einer Modemesse, die wie erwähnt nur 36 Tage im Jahr vor Ort stattfindet. Eine einfache Gegenrechnung zeigt: wie lange muss eine Modemesse stattfinden, damit 5 Millionen Euro wieder hereinkommen - bei Zahlung von gerademal 1,6 Millionen Euro jährlich? Mindestens 3,5 Jahre. So lange hat es die Bread&Butter jedoch noch nie an einem Ort ausgehalten; eine Messe lebt von ständig neuen Reizen und Ideen. Die Karawane zieht weiter.

Berlin als Geschäftspartner - ein Partner?

Und bei all den großartigen Steuergeldgeschenken an den Großmieter - wie stellt sich das Land Berlin als Geschäftspartner dar? Klaus Wowereit über den Vertragsabschluss mit Karl-Heinz Müller, Chef der Modemesse Bread&Butter: “Der Vertrag ist unterschrieben, da gibt‘s nichts zu überdenken”. Für einen Unternehmer sind verbindliche Zusagen und Einhaltung von Verträgen das A und O. Vertrauen ist die Basis aller Geschäftsbeziehungen. Und Karl-Heinz Müller konnte den ganzen Rummel um das Planungschaos zu Tempelhof nicht verstehen und hielt sich vornehm zurück. Sein Messevorhaben dürfte ohnehin bereits sehr unter der öffentlichen Geißelung an Image eingebüßt haben. Er hat seinen unterschriebenen Vertrag in der Tasche und das ist auch gut so - jedoch sollte ihn die neuerliche Auskunft von Berlins Noch-Finanzsenat Thilo Sarrazin (SPD) warnen:

Für eine Dauernutzung müsste jemand 15 Millionen Euro zahlen. Der aber findet sich nicht. Wenn doch, kriegt Herr Müller (Karl-Heinz Müller, Chef der Modemesse Bread & Butter) einen Aufhebungsvertrag. Wenn der Prinz kommt, finden wir einen Ort für Dornröschen.

Plötzlich ist der Vertrag mit dem Land Berlin doch nicht mehr soviel Wert wie die Tinte der Unterschriften? Mit anderen Worten: kommt jemand und zahlt mehr als die Modemesse dann darf Karl-Heinz Müller sehen, wo er hingeht?

Aus Sicht eines Unternehmers ist ein solches Spiel höchst gefährlich - denn er muss damit rechnen, eigene Zusagen an Kunden und Partner nicht langfristig einhalten zu können. Der Standort Tempelhof verliert dadurch weiterhin an Ansehen, weil er unternehmerisch als “heißer Stuhl” gebrandmarkt ist.

Wer als Investor oder Unternehmer jüngst mit tieferem Engagement an Tempelhof und einer möglichen Anmietung Interesse hatte, dürfte nach dieser Äußerung über Nacht schnell das Weite gesucht haben.

Ein Pokerspiel, bei dem Tempelhof der Einsatz ist - in Kombination mit Wildwestmethoden bei denen Einschüchterung und die Macht des Stärkeren bzw. allein das Geld regiert, kann nicht Grundlage einer tragfähigen und zukunftsorientierten bzw. angemessenen Weiterentwicklung sein.

Dass quasi über Nacht Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) offiziell entmachtet wurde und Tempelhof nun alleinige Chefsache ist - und dass Thilo Sarrazin den groß initiierten “Call for ideas” als Ideenwettbewerb zur Bebauung des Columbiaquartiers im Norden des Flughafengeländes nur noch als eine “reine Ideen-Skizze” abtut, vervollständigt das Bild im negativen Sinne.

Ein weiteres Mal wurden Steuerzahler getäuscht, teilnehmende Architekten für den Ideenwettbewerb auf den Arm genommen und Investoren verschreckt. Und allzu passend dazu die Äußerung von Sven Lemiss, Chef der Berliner Immobilien Management GmbH (BIM), zuständig für die Vermarktung und Vermietung von Tempelhof, in der Presse:

Nach meiner Einschätzung wird es nicht einen Investor geben, der alles allein entwickelt. Einen weißen Ritter wird es nicht geben.

Doch was tun, wenn sich nach den Rittern nicht einmal mehr die Knechte für Tempelhof interessieren?

Autor: admin
Datum: Freitag, 13. Februar 2009 11:35
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