WOWEREITS TEMPELHOF-DEBAKEL: Brot und Trauerspiele

Spiegel Online, 03.03.2009

Neuer Zoff um Tempelhof: Berlins Bürgermeister Wowereit hat den stillgelegten Flughafen an die Modemesse “Bread & Butter” vermietet. Doch auch die Filmstudios Babelsberg wollten einziehen. Deren Anwalt droht damit, gerichtlich gegen Wowereit vorzugehen. Der Bürgermeister aber bleibt hart.

Ein großes Leuchtfeuer tastete über dem Flughafen Tempelhof den Nachthimmel ab, Scheinwerferkegel zuckten über das Rollfeld, Laserstrahlen zeichneten den Schriftzug “Future” auf die Tore der Hangars. Als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit Ende Januar Karl-Heinz Müller, den Boss der Modemesse “Bread & Butter”, in Tempelhof begrüßte, schien es, als wäre ein Erlöser herabgestiegen vom Himmel über Berlin.

Denn Müller will mit seiner Messe nach Berlin ziehen und “Bread & Butter” schon im Juli auf das Areal des im vergangenen Oktober stillgelegten Flughafens bringen. Da das Gebäude mit seinen fast 290.000 Quadratmetern Nutzfläche das Land Berlin pro Jahr bislang mit einem Defizit von etwa 14 Millionen Euro belastet, feiert Wowereit die Ansiedlung als großen Erfolg.

Doch noch nie in seiner über siebenjährigen Amtszeit hat ein vermeintlicher Coup Wowereits einen derartigen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Einhellig kritisieren alle Oppositionsparteien den Vertragsabschluss mit “Bread & Butter”. Als “widersinnig und skandalös” bezeichnet ihn Franziska Eichstädt-Bohlig, Fraktionsvorsitzende der Berliner Grünen. Frank Henkel von der CDU wirft Wowereit “Chaos um die Nachnutzung in Tempelhof” vor.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer kreidet Wowereit an, mit seiner Entscheidung für die Modemesse “erheblichen wirtschaftlichen Schaden” verursacht zu haben. Von einem “Wortbruch Wowereits” sprechen die Filmbetriebe Berlin Brandenburg (FBB) und der Vorstand der Studio Babelsberg AG, die ein umfassendes Nachnutzungskonzept für den Flughafen entwickelt hatten. Jetzt sieht auch noch alles danach aus, als würde der Streit um Tempelhof bald die Pressekammer des Berliner Landgerichts beschäftigen.

Ein Hamburger Medienanwalt hatte am Freitag Wowereit aufgefordert, bis heute zu bestätigen, Vertreter des Landes Berlin würden nicht mehr behaupten, das Angebot der Babelsberger sei noch nicht einmal halb so hoch wie die mit “Bread & Butter” vereinbarte Miete. Wowereits Senatskanzlei allerdings weigert sich, die Erklärung abzugeben. Die Babelsberger Filmmanager haben als nächstes angedroht, den Erlass einer einstweiligen Verfügung zu beantragen.

Es ist zu befürchten, dass Wowereit für Berlin eine große Chance vergeben hat. Die Babelsberger wollten den gesamten Gebäudekomplex als Generalmieter übernehmen und zu einem europäischen Zentrum der Filmindustrie machen. Im April vergangenen Jahres hatte Wowereit ihren Vorschlag noch als “interessantes, substantielles Konzept” gelobt. Nun ließ der Regierende die FBB ins Leere laufen. Der scheidende Finanzsenator Thilo Sarrazin behauptet, die FBB hätten “nicht mehr als ein Taschengeld geboten”.

Doch während “Bread & Butter” für jeweils zwei Monate Nutzung im Jahr 1,65 Millionen Euro zahlen wird, stellten die Babelsberger dem Finanzsenator eine Jahresmiete von bis zu 14 Millionen Euro in Aussicht - und die Sanierung der Hangars. In einem Gespräch am 22. Januar sei Sarrazin zu verstehen gegeben worden, “dass unser Angebot für das Land eine Freistellung der Verluste bedeuten würde”, sagt FBB-Geschäftsführer Christoph Fisser. “Hierzu stehen wir nach wie vor.” Sarrazin sagt dazu: “Das ist falsch. Von einer Freistellung des Landes von Verlusten ist keine Rede gewesen.”

“Das war’s in Berlin”

In jedem Fall eskaliert der Streit zwischen den Babelsbergern und den Berliner Politikern. Die Filmmanager forderten am Freitag von Wowereit die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung, nach der dieser nicht mehr öffentlich behaupten dürfte, das Angebot der Babelsberger hätte unter dem von “Bread & Butter” gelegen. Falls Wowereit die Erklärung nicht bis Montag abgegeben hat, wollen die Filmmanager bei Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Regierenden beantragen.

atsächlich wird sich das Defizit durch Einzelvermietungen wie mit “Bread & Butter” nicht beseitigen lassen, zumal es nun keinerlei andere Mode-Events mehr in Tempelhof geben darf. Angesichts der wirtschaftlichen Nachteile von Wowereits Idee ist es umso erstaunlicher, dass sich einer “Vertraulichen Unterlage” des Finanzsenats entnehmen lässt: “Der Mietvertrag hat eine Laufzeit von zehn Jahren mit einer Option von weiteren zehn Jahren.”

Darüber hinaus hat sich die landeseigene Gesellschaft, die Tempelhof verwaltet, im Mietvertrag zu erheblichen Vorleistungen verpflichtet, deren Kosten wohl über den bislang veranschlagten fünf Millionen Euro liegen werden. Weil Müller seine zweite Messe im Januar 2010 veranstalten will, müssen sechs riesige, schwer zu dämmende Hangars mit starken Heizungsanlagen versehen werden.

Doch wie lange wird Müller überhaupt mit “Bread & Butter” in der Hauptstadt bleiben? Bislang hielt er es mit seiner Messe nie länger als vier Jahre an einem Ort aus, zog von Köln nach Berlin und von dort weiter nach Barcelona, wo er zuletzt mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen hatte. “Das war’s in Berlin”, verkündete er vor zwei Jahren vollmundig, als er die Hauptstadt verließ. “Kaum jemand glaubt, dass dieser Mann seinen Zehnjahresvertrag wirklich erfüllt”, heißt es in Senatskreisen.

Kulisse für beliebige Events

“Das will ich auf jeden Fall”, hält Müller dagegen. “Berlin kann sich als europäisches Modezentrum etablieren.” Natürlich verhalte sich die Modebranche ein wenig wie ein Karawane, die immer an die attraktivsten Orte ziehe. “Doch Tempelhof”, so Müller, “hat eine Perspektive. Der Flughafen ist auf der ganzen Welt eine Marke.”

Das stellte auch Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer fest, als sie einen Ideenwettbewerb für die Nachnutzung des Flughafens ausrief. 61 Konzepte wurden eingereicht. Dummerweise hatte Wowereit seine Senatorin nicht über seine Gespräche mit “Bread & Butter” informiert. Jetzt fühlen sich die Interessenten verladen, die Konzepte erarbeitet haben.

Beim heftigen Streit um Tempelhof geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um die Frage, wie der einstige Flughafen nachhaltig und zukunftsträchtig genutzt werden kann.

Wowereit will offenbar ein weiteres Messezentrum mit ständig wechselnden Veranstaltungen. Neben “Bread & Butter” stehen für dieses Jahr schon Feuerwerke und Rockkonzerte auf dem Programm. Was für viele West-Berliner als Symbol des Freiheitskampfes im Kalten Krieg gilt, soll zur Kulisse für beliebige Events werden.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,610783,00.html

Autor: admin
Datum: Montag, 2. März 2009 23:23
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