Die letzten drei Kämpfer sind abgeflogen
24.11.2008 - Ist jetzt der Flughafen BERLIN-TEMPELHOF wirklich kein Flughafen mehr? Solange dort immer noch drei Maschinen unter dem halbrunden Dach auf dem Vorfeld standen, waren sie eine Art letzte Sicherheit, dass Tempelhof immer noch irgendwie doch ein Flughafen ist. Dieses letzte sichere Gefühl ist seit heute 12:00 Uhr Mittag endgültig Geschichte.
Der Flughafen erwachte an diesem Tag gegen 10 Uhr vormittags noch ein letztes Mal zum Leben, so das Gefühl der Anwesenden: Sicherheitspersonal in leuchtend grünen Jacken rennt über das Vorfeld, mausgraue Fahrzeuge der “Berliner Flughäfen” kreuzen die Szene von links nach rechts. Von der Szenerie her also fast genau wie vor dem 30. Oktober 2008. Die grüne und die rote Antonov Doppeldecker-Maschinen sowie die private Beech Bonanza 33 parken auf dem Vorfeld unter dem halbrunden Vordach, bereit zum Abflug. Und auch bei diesem wirklich allerletzten Abflug von Tempelhof ist alles perfekt von Behörde und Berliner Flughafengesellschaft organisiert und inszeniert worden.
Der Presse wurde schon vorher untersagt, das Gelände zu betreten und erst Recht war es von höchster Stelle untersagt worden, jegliche Fotos von den Flugzeugen selbst draußen auf der Fläche oder unter dem Vordach zu machen. Am Morgen rief das persönliche Sekretariat des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) im Flughafen an und verbat den Zutritt der Presse zum gesamten Gebäude. Dies war allein aufgrund des wenigen Wachpersonals vor Ort auf dem Flughafen jedoch nicht durchsetzbar gewesen. So kamen die Fotografen also wenigstens noch bis in die Räumlichkeiten der Flugschule Tempelhof-Aviators mit großen Fensterflächen hinaus auf das Vorfeld unter dem halbrunden Dach. Weiter ging es jedoch nicht und es blieb allen Journalisten daher nichts anderes übrig, als mit an die Fenster gepressten Foto- und Kameralinsen durch die Glasscheiben des Gebäudes die benötigten Film- und Fotoaufnahmen zu machen. Nichteinmal Passagiere waren für den Abflug in den Flugzeugen zugelassen; unter strenger Kontrolle durch den Wachschutz des Senats war es einzig den Piloten erlaubt, über die Fläche zu ihren Flugzeugen zu gehen.
Um kurz vor 12.00 Uhr wurde schließlich der am 31. Oktober 2008 aufgestellte Bauzaun rund um die betonierte Vorfeldfläche für die drei Flugzeuge geöffnet. Die Maschinen rollen zum Startpunkt der südlichen Startbahn 27L - direkt an der Oderstrasse. Zu dieser Zeit haben sich dort bereits knapp 100 Berliner “Zaungäste” und Fotografen an dem beliebten Flughafen-Treffpunkt zwischen der Startbahn und dem Friedhof eingefunden, um diesen “inoffiziellen” letzten Abflug vom Flughafen BERLIN-TEMPELHOF mitverfolgen zu können.
Die Reihenfolge des Abfluges haben die Piloten vorher unter sich ausgemacht: als erstes startet die grüne Antonov, die Rote folgt als Nummer Zwei und zuletzt sagt die Beech Bonanza: “Goodbye Tempelhof”. Dieses Prozedere findet unter der strengen Beobachtung der Luftfahrtbehörde und dem Sicherheitsdienst statt, die mit ihren Dienstfahrzeugen zur Abflugstelle gekommen sind. Doch bevor Henning Lueg seinen roten Doppeldecker das letzte Mal in die Tempelhofer Luft hebt, öffnet er plötzlich unter großen Augen der anwesenden “Offiziellen” und unabgesprochen die Tür im Heck seiner Maschine und demonstriert direkt vor seinem Flieger, was er von der Schließung des Flughafens hält:
Zum allerletzen Mal lässt er seinen Motor bei hoher Drehzahl warmlaufen, das schon fast vergessene Motorengeräusch fängt sich angenehm in den Fassaden der Häuser in der Oderstrasse und hallt von dort fast stumm wider. Wie in alten Zeiten - nichts besonderes und niemand da, der sich über diese schöne Ruhestörung zur Mittagszeit aufregt. Lueg löst die Bremsen und langsam kommt “Der Rote Baron” in Bewegung. Schon nach kurzer Strecke hebt sich das Heck des Spornradflugzeuges in die Luft, weitere Sekunden vergehen, bis das gesamte Flugzeug den Boden von BERLIN-TEMPELHOF für immer losgelassen hat.
Kein Applaus hörbar. Die älteren Zuschauer am Maschendrahtzaun, die zum Teil die Berliner Luftbrücke 1948/49 als Heranwachsende selbst miterlebt haben, schütteln den Kopf. “Ein Millionengrab wird das”, macht als Satz die Runde - einstimmiges Kopfnicken als stille Zustimmung von den Anwesenden. Lueg zieht seine Maschine direkt nach dem Abheben in einer steilen Kurve nach links in den Tempelhofer Himmel und dreht noch eine letzte Ehrenrunde; und als die Ersten schon gehen und dem Flughafen den Rücken kehren wollen, wird es noch einmal laut in der Luft: auf Verabredung treffen sich die drei eben gestarteten Maschinen nochmals in der Luft über BERLIN-TEMPELHOF und fliegen hintereinander eine Ehrenformation. Und jeder, der vorher still und leise auf das leere und leblose Flugfeld starrte, schaut nun wie gebannt in den Himmel - wie damals bei den Anflügen der Luftbrücken-Rosinenbomber. Und in den Gesichtern ist ganz deutlich die stille Hoffnung zu lesen, dass diese drei Flugzeuge eines Tages wieder hierher nach BERLIN-TEMPELHOF zurückkommen würden.





